Ingeborg Knigge   Rede zur Ausstellung im Kulturfoyer Saarbrücken

Die Saarbrücker Sommermusik, in deren Rahmen diese Ausstellung von Ingeborg Knigge stattfindet, stellt in diesem Jahr den Dichter Novalis und damit die Frühromantik ins Zentrum. Die Darstellung der Landschaft, der Natur war das zentrale Motiv in der Bildenden Kunst der Romantik. Aber auch in der romantischen Literatur ist sie immer wieder der Gegenstand poetischer Betrachtung.
Dabei ist die Natur niemals einfach nur Umgebung. Sie wird zum Mythos, wird so ursprünglich empfunden, wie von den Menschen der Vorzeit: segnend, undurchschaubar und Zerstörung bringend zugleich. Novalis etwa symbolisiert das Geheimnis der Welt durch eine blaue Blume. Der Wald wird immer wieder mit Sehnsucht betrachtet, dort rauscht in den Wipfeln die stille Waldeinsamkeit, aber gleichzeitig ist er auch Ort der Bedrohung, ist von Hexen und menschenfressenden Dämonen behaust. Die Natur ist den Romantikern voller Zeichen, die auf höheres, unsagbares verweisen, das nur erahnt, doch niemals erklärt werden kann.
Auch Ingeborg Knigges Fotografie weiß von dieser Transzendenz. Freilich nähert sie sich ihrem Sujet nicht mit der Ästhetik des frühen 19. Jahrhunderts, die ihre geheimnisvollen Stimmungen in großen Panoramen suchte, in nebelverschleierten Waldrändern, wolkenverhangenen Gebirgen oder Seestücken im Mondlicht. Knigge schaut mit einem - nur scheinbar - kühleren neuzeitlichen Blick, der durch die Erfahrungen der Abstraktion etwa eines Paul Klee geschult wurde. Sie sucht das unbegrenzte eher im Kleinen, im Detail. Aber ist sie dadurch der Symbolik eines Novalis nicht sehr nahe, der in der einzelnen Blume, dem bunten Stein oder dem zartbeflügelten Schmetterling die Chiffre für das Göttliche erblickte? Und gerade dieses Chiffrenhafte, das ihren Arbeiten so eigen ist, fasziniert. Sorgfältig komponiert, ein wenig kühl und nüchtern, so mag man ihre Arbeiten beim ersten Hinsehen empfinden. Und doch stellt sich bei allen diesen Bildern eine dunkle, unbestimmbare nächtliche Empfindung ein. Die Natur erscheint bei ihr von geheimnisvollen Zeichen erfüllt, Gräser, Blätter, Rindenstücke bilden Strukturen, die unübersetzbaren Schriften gleichen. Wir verstehen sie, ohne dass wir sie lesen könnten.
Die Ausstellung, die wir heute Abend eröffnen, ist der Natur gewidmet. Knigge fotografiert aber auch Alltagssituationen. Und auch diese Bilder haben den gleichen Vorsatz. Auch dort verbinden sich einfache Gegenstände zu geheimnisvollen Hieroglyphen, die Dokumentation einer alltäglichen Handverrichtung wird zur Frage an die Welt.
Es ist gerade dieses Hinterfragen des Einfachsten, sei es in der Natur, in der Stadt oder zu Hause, was Knigges Bilder so nahe an die Romantik und an Novalis rückt. Wenn wir erkennen, dass all den kleinen Dingen, die diese Welt ausmachen, ein größeres innewohnt als die rationale Funktion für das Ganze, haben wir ihren Zauber erkannt. Wir lüften den Schleier der Isis. Und die Welt erscheint als das, was sie eigentlich ist - reine Poesie.

Thomas Altpeter
© Alle Rechte liegen beim Autor.  6. Dezember 2005