Ingeborg Knigge     Laudatio Roland Augustin

Laudatio zur Verleihung des Monika-von-Boch-Preises

Roland Augustin

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr Ihnen heute das Werk der diesjährigen Preisträgerin des Monika-von-Boch-Preises für Fotografie vorstellen zu dürfen. Die Ausstellung, die Sie heute sehen werden, umfasst ihr gesamtes Schaffen und zeigt Beispiele aus fast all ihrer Serien und Projekte. Ingeborg Knigge wird 1955 in Melsungen geboren. Ihre ersten Bilder nimmt sie mit einer 1979 erworbenen Nikon FM auf. Sie lebt damals in Frankfurt und tauscht ihr Universitätsstudium der Kunst und Pädagogik mit Schwerpunkt Bildhauerei gegen die Fotografie. Sie beginnt Bilder von Dingen aus ihrem Leben und auf Streifzügen durch die Stadt zu fotografieren und ist seither Fotografin. 1980 besucht sie die Sommerakademie in Salzburg und nimmt an Kursen von Floris Neusüss und Wilhelm Schürmann teil. Floris Neusüss steht für einen schöpferisch gestaltenden und experimentellen fotografischen Ansatz, Wilhelm Schürmann kommt dagegen aus dem Fotojournalismus und hat sich als Kurator einen Namen gemacht. Zwischen diesen Positionen orientieren sich auch Ingeborg Knigges Interessen. Vieles scheint offen in ihrem Leben. Sie zieht nach Hamburg und arbeitet dort als Bildjournalistin für das Hamburger Magazin Szene. 1987 folgt ein Umzug nach Brüssel und Ingeborg Knigge führt etwas fort, was sie sieben Jahre zuvor schon einmal praktizierte: Sie stellt ihre Bilder, die abseits von Aufträgen entstehen, in Alben und in gebundenen Büchern zusammen. Hierin liegt ein besonderer schöpferischer Moment neben den Einzelaufnahmen besonders im Kombinieren der Bilder. Nicht um Ereignisse selbst, sondern um ihre Spuren, Nachlässe menschlicher Handlungen und Taten, geht es in den Bildern aus der Serie La chasse - Die Jagd, die 1989 zum ersten Mal im Hamburger Westwerk ausgestellt wird. Knigge widmet sich Motiven, die Assoziationen mit dem Jagen provozieren, und kombiniert sie mit »tatsächlichen« Jagdbildern. Beute dient nicht nur der Inbesitznahme, sondern sie drängt auch nach Präsentation. Man möchte sie zeigen. Und diese archaische Funktion des Bildes übernimmt die Fotografie, wie auch die des Schießens. Der Moment ist erstarrt, immer und in jeder Fotografie, die das Bild eines Augenblicks aus Zeit und Raum schneidet. Die Betätigung des Auslösers gleicht einem Schuss. Bei seinen Versuchen, die Spuren zu Geschichten zusammen zu fügen, wird der Betrachter in die Rolle des Jägers, aber auch in die des Kriminologen, des Detektivs versetzt und verhält sich ähnlich wie die fiktive Filmfigur Thomas, jener Fotograf, der in Antonionis Film Blow up einen Mord fotografiert zu haben glaubt, ohne sich dessen im Moment der Aufnahme bewusst gewesen zu sein. In La chasse spielt Ingeborg Knigge auf das Jagen als fotografischen Archetypus an, ähnlich wie Villem Flusser die Fotografie als Jagd im Dickicht der Kulturobjekte beschreibt.

Knigge bildet nicht ab, sie erzählt Geschichten, die sich vom Ursprung der Entstehung ihrer Fotografien lösen. Den Kontext der Bilder kennt der Betrachter nicht. Und obwohl die analoge Fotografie immer an ihren Referenten gebunden ist, heißt das nicht - und das ist die Hypothese von Ingeborg Knigge - dass die Aussage einer Fotografie klar und eindeutig ist. Knigge belegt, dass die Bedeutung oder der Sinn zunächst von der Inszenierung einer Reihe, einer Serie, einer Erzählung durch den Fotografen, aber nicht weniger von den Assoziationen des Betrachters beeinflusst wird. Erst in diesem Wechselspiel konstituiert sich der Sinn, die Botschaft der Fotografie. Mit La chasse entwickelt sie das, was Roland Barthes als Mythos bezeichnet: Knigge löst die Fotografie aus einem ersten Verhältnis von Bezeichnendem und Bezeichnetem heraus und entwickelt ein übergeordnetes. Dem entspricht auch ihre Arbeitsweise. Sie geht nicht von einem fotografischen Vorhaben aus und fotografiert dann entsprechende Motive, sondern sie fotografiert, pirscht, sieht und schnappt zu, sammelt Trophäen. Erst deutlich später fügt sie die Ausbeute nach einer bestimmten Ordnung in Serien zusammen.

1991 beginnt Ingeborg Knigge ihr bislang umfangreichstes Projekt und es dauert bis heute an. Unter dem Titel Have you done your duty (Hast Du Deine Pflichten erledigt) entstehen - bis auf wenige Ausnahmen - täglich Bilder von den Ergebnissen erledigter Hausarbeit. Die sorgfältig komponierten Bilder vermitteln den Eindruck hoher Wertigkeit von Arbeiten wie Bügeln, Putzen, Reparieren. Die Sorgfalt, die dem Arrangement der Dinge in den Fotografien beigemessen wird, erinnert an das Vorgehen der Fotografen der Neuen Sachlichkeit. Mit Hingabe werden die charakteristischen Eigenschaften der sichtbaren Materialien akzentuiert. Das passiert aber auf eine Art, die nur wenig mit suggestiver Werbefotografie zu tun hat. Es sei denn, man geht an jene Ursprünge zurück, wo es um Information und vielleicht gar um Erkennen geht. Der größte Unterschied zur suggestiven Sachfotografie liegt bei Knigge in der Vermeidung von Effekten des Spektakulären oder des Sensationellen. Es sind auch keine besonderen Gegenstände, etwa von Stardesignern entworfene, sondern der Normalfall. Es gibt keine extremen Kontraste, keinen Inszenierungszauber.

Und doch erscheint ein Stapel Bügelwäsche aus der Duties-Serie vor dunklem Hintergrund als würdiges Monument der Arbeit. Dies erinnert bisweilen an die Gratwanderung Walter Benjamins, wenn er einerseits die Fotografie von August Sander schätzt, weil sie der Erkenntnis diene, und andererseits die Arbeit von Renger-Patzsch verteufelt, weil sie nur oberflächlicher Schönheit hinterherlaufe. Mit der Arbeit, der sich Ingeborg Knigge widmet, hätten sich aber weder Sander, noch Renger beschäftigt. So objektivistisch der Eindruck der einzelnen Fotografien auch sein mag, zeigt sie in der Serie sehr persönliche Dinge. Die Bilder präsentieren auch, was sie tut. Es ist heute nicht mehr üblich, dass jemand Textilien repariert. Auch die Reinigung der eigenen vier Wände überlässt man, wenn es geht, anderen. In Serie wird der Eindruck enormer Produktivität hervorgerufen, nicht irgendeine, sondern eine sehr individuelle und persönliche. Genau das bereichert die Fotografie von Ingeborg Knigge. Indem sie ihre Hausarbeit fotografiert, setzt sie Produktion und Reproduktion - ein Gegensatzpaar von ehrwürdiger Bauhaus-Tradition - in Beziehung. In diesem Moment wird deutlich, dass die zu erfüllenden Pflichten nicht nur in den dargestellten Arbeitsergebnissen liegen: Zu ihren Pflichten gehört das Fotografieren selbst. Man sieht es nicht, steht aber vor seinem Ergebnis. Damit wird auch der Fotografie in der ersten Linie jener produktive Charakter zuteil, und wenn überhaupt, dann erst in zweiter Linie, ein reproduktiver.

Während sie in La chasse mit der Abfolge von Stadtfotografien eine neue Bedeutungsstruktur entwickelt, die den einzelnen Motiven an sich fremd ist, arbeitet Ingeborg Knigge in der Serie I-scape direkt mit der Montagetechnik. Es werden immer zwei Bilder aneinander gesetzt, immer auf Stoß neben- oder untereinander montiert. Sie setzt in dieser Serie Bilder aneinander, die nicht zusammen gehören. Es ist aber erstaunlich wie gut genau das, was nicht zueinander gehört zueinander passt. Funktionale Zusammenhänge gleiten ins Absurde. Etwa führen Fahrbahnen direkt gegen die Mauer eines Brückenkopfes.

Gleichwohl spielt Ingeborg Knigge hier mit den Erfahrungen des Betrachters. Ihr Material sind Aufnahmen, die überall entstanden sein könnten. Es sind diese vielen, namenlosen, aber typischen Allerweltsecken, die es in jeder Stadt gibt. Jeder kennt das Unbehagen einer zu durchschreitenden Bahnunterführung. Es sind Wege, die zu gehen einer Mutprobe gleichen kann. Knigge hebt die Einheit von Zeit und Ort in der Fotomontage auf. Es wird deutlich, wie stereotyp verschiedene Orte in ihrer Erscheinung sind, und obwohl jede fotografische Aufnahme an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort gebunden ist, werden in Knigges I-scapes neue und allgemeinere Aussagen konstruiert. Darin ähnelt I-scape der Serie La chasse, die technische Umsetzung und die Motive aber unterscheiden sich. Ingeborg Knigge unterzieht den Dokumentarcharakter der Fotografie einer Kritik und beweist, dass sich »fremde Bedeutungen« in jeder Fotografie einnisten. Ihre I-scapes haben etwas mit Flucht zu tun, einer Flucht aus der Zersplitterung der Welt in die Konstruktion einer neuen Wirklichkeit. Knigge führt Weltsplitter zusammen. Sie verwirrt die Erinnerung, zertrümmert das als fundamental geltende, gegenseitig abhängige fotografische Verhältnis von Zeit und Raum.

Seit 1993 lebt und arbeitet Ingeborg Knigge in Saarbrücken. Dort wird sie 1999 in den Saarländischen Künstlerbund aufgenommen, der während des zwanzigsten Jahrhunderts und bis heute mit großem Einfluss die Künstler im Saarland vertritt und mit Ausstellungen für stetige Resonanz in der Öffentlichkeit sorgt.

2003 verfolgt Ingeborg Knigge eine neue Serie. Sie fotografiert Hausnummern. Das Ergebnis sind Architekturansichten, die den Erwartungen an hohe Kultur widersprechen. Gerade Hauseingänge sind eine Schnittstelle von Privatheit und Öffentlichkeit. Sie werden geschmückt mit Blumen, Fliesen, Wandverkleidungen und Spezialgläsern, deren Ursprung seltener die Fachwerkstatt, als vielmehr der Baumarkt ist. Dennoch handelt es sich nicht um die Darstellung des barbarischen Geschmacks im Sinne Pierre Bourdieus, um die Praxis einer illegitimen Schönheit allein. Ingeborg Knigge geht es eher um eine Bestandsaufnahme. Sie nähert sich in ihren Fotografien der Ästhetik einer jeden Haustür mit einer positiven Grundhaltung, geradezu liebevoll und mit ausgeprägter dokumentarischer Sorgfalt. Ingeborg Knigge diversifiziert die Normalität, die in der Regel keine öffentliche Bildwürdigkeit genießt. Sie fotografiert grundsätzlich nur nummerierte Eingänge. Besondere Gebäude wie Rathäuser, Kirchen, oder Schlösser haben keine Hausnummern. Ingeborg Knigge komprimiert ihre Bilder zu Aussagen, die sich auf Vorstellungen von Form und Schönheit konzentrieren. Die Fotografien werden zu Bildern derer, die hinter den Türen leben, die selbst aber nicht zu sehen sind. Knigge zeigt allein Nummern, weder Straßen noch Namen. Sie steigert den Eindruck von Anonymität, und dies erinnert an den Terminus anonyme Skulptur von Bernd und Hilla Becher. Die Nummern illusionieren eine Ordnung, während diese selbst ihres ordnenden und kontrollierenden Zweckes in den Fotografien enthoben werden und einen neuen Zusammenhang bilden.

Seit Ende der 1990er Jahre entstehen immer öfter Arbeiten in Farbe. In Farbe generiert Ingeborg Knigge Naturbilder wie die Wiesen-, Wald-, See- und Bodenstücke. Es handelt sich hier um Aufnahmen, die mit wiedererkennbaren Landschaften nichts zu tun haben. Man kann die Bilder nicht geografisch zuordnen. Sie zeigen ein mikrokosmisches Bild von der Gemeinschaft verschiedener Kräuter, Symbiosen von Pilzen und Holz, zeigen aber auch das Eingreifen des Menschen, wenn sich auf laubbedecktem Boden Bäume in Holz verwandeln. Auch in der Serie Pfützen werden diese Mikroansichten mit den glänzenden und zuweilen spiegelnden Wasseroberflächen kombiniert. Die Naturfotografien sind ganz typisch für Knigges Saarbrücker Schaffenszeit. Hier sind die Wege in die Natur nicht weit und sie kann mit dem Stativ ohne allzu große Mühe in den Wald gelangen.

In den Seestücken widmet sich die Fotografin brechenden Wellen mit aufgewühlten zuweilen braunen Schaumkronen. Im Einzelbild wirken die Schaumfetzen wie erstarrt, in der Serie wird aber eine stetige Veränderung ihrer Form zum Ausdruck gebracht. Zudem entstehen auch wieder Bilder, die das Ergebnis von Streifzügen durch die Stadt sind: Autoscapes und Straßenstücke werden in groß angelegten Reihen, fast wie Beweisstücke einer wissenschaftlichen Untersuchung gesammelt. Hierbei erprobt Ingeborg Knigge neue Perspektiven. Sie benutzt jetzt häufig den Lichtschachtsucher, schaut von oben in die Kamera sieht das Spiegelbild der Wirklichkeit und arbeitet dadurch automatisch bildmäßiger. Aber auch in diesen beiden neuen Ansätzen erkennt man die zwei Pole ihrer Arbeit, die einerseits im Erzählen und andererseits im formalen Interesse liegen. Während Ingeborg Knigge in den Autoscapes die spiegelnden, verzerrenden und lackierten Oberflächen von Autos als bildgenerierende Instrumente in Anspruch nimmt, kommt hier das Formale stärker zum Tragen als in den Straßenstücken. Diese bringt sie im Rahmen eines Ausstellungsprojekts zu Yvan Goll 2017 in Kombination mit seinen Haiku-Gedichten und man fragt sich wie gewisse Bremsspuren entstanden sind, gerät wieder wie in La chasse ins Rätseln über Spuren von Taten. Und die Kombination von Fotografie mit poetisch angelegten Texten erinnert an ihr Vorgehen in einigen ihrer eigenen Alben, die sie ebenfalls oft mit kleinen Texten versah.

Die Arbeiten von Ingeborg Knigge sind verwoben mit Ansätzen aus der Konzept-Kunst, die mit der Vorstellung einer stetigen Fortentwicklung und Erneuerung der Moderne brechen. Ihre Fotografien sind weit entfernt von extremen Perspektiven und Bildausschnitten. Ihr Stil ist dokumentarisch, aber ihre Bilder und Serien unterziehen das Dokumentarische einer Kritik. Sie nutzt das Dokumentarische und damit seinen vermeintlichen Gebrauchswert als Form und bezweifelt die Eindeutigkeit fotografischer Aussagen. 2006 übernimmt die Fotografin an der Hochschule der bildenden Künste Saarbrücken die Leitung des Foto-Ateliers. Dort unterrichtet sie in Räumen, die Tür an Tür neben der ehemaligen Wirkungsstätte Otto Steinerts liegen, dem bekannten Lehrer Monika von Bochs, deren Name der heute an Ingeborg Knigge zu verleihende Preis trägt.

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