Ingeborg Knigge   Rede zur Ausstellung in der Galerie am Ratswall

In ihrer Serie »Have you done your duty - Hast Du Deine Pflicht erfüllt« photographiert Ingeborg Knigge etwas, was sich nicht photographieren lässt, etwas ständig wiederkehrendes, ewig gleiches, das doch jedes Mal anders ist.

(Der Gegenstand ihres Photographierens hat seinen Ort im Sein zwischen Nietzsches Formel von der ewigen Wiederkehr des Gleichen und Heraklits Satz: Du kannst nicht zweimal durch den selben Fluss waten.) Leben ist - und davon lebt auch diese Bilderreihe - Leben ist zirkulär, kreisförmig und Zeit ist eine Illusion, kann gesehen und verstanden werden auch als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Gerade darum lässt sich der Fluss des Lebens, das Vergehen der Zeit doch auf’s Bild bringen als Auswahl, als Auslese von Momenten. Momentum, das bedeutet ja nicht nur den Augenblick, einen Zeitabschnitt, Zeitpunkt, Momentum heißt daneben auch: etwas Entscheidendes, Bewegendes, Ausschlaggebendes.

Knigges erlesene und herausgesehene Momente entstammen einem Bereich von Alltagskultur, Lebenskultur, der gern übersehen, ja vergessen wird, weil er scheinbar so selbstverständlich und normal ist, dem entstammt, was grundlegend ausmacht, wie wir unser Dasein fristen. Die Bilder, die miteinander zusammenhängen, aufeinander verweisen und ihren Zusammenhang untereinander stiften, die Bilder zeigen nicht die Pflichterfüllung (eine je bestimmte) als Tätigkeit, als Vorgang, sondern sie zeigen Resultate von Teiltätigkeiten dessen, was Hausarbeit heißt. Sie zeigen dies als Inszenierungen zwischen Sachaufnahme und Stilleben, zwei Bereichen traditionell inszenierender Photographie, die gelegentlich ineinander übergehen.

Knigges Photographien sind gleichsam Portraits von Situationen (Portraits machen etwas kenntlich und lassen uns etwas wiedererkennen), Situationen als Stationen des immerwährenden, andauernden, fortdauernden Prozesses von Waschen, Bügeln, Nähen, Reinemachen, Schuhe putzen und so weiter, immer so weiter. Die genannten Tätigkeiten bestehen jeweils aus vielen einzelnen Untertätigkeiten und Handgriffen - die Fotografin erfasst und arrangiert in ihren Bildern Zwischenzustände, Innehalten, An- und Aufsichten. Sprechend werden dabei Texturen von Oberflächen - (der Stoff der Hose mit dem eben angenähten Knopf mit feinem Karomuster auf der zerkratzten Unterlage voller parallel gerichteter Linien) und formale Strukturen sagen uns etwas (das perspektivische Muster der Dielenfugen über die Maße der Bodenfläche), schließlich reden die Bildräume (Wäschestücke vor einem großen Stück, die ragender Eimer vor dem rauschenden Fluss).

Knigges fotografisch immer und immer wieder neu beantworteten Frage »Have you done your duty« entspricht als Korpus von Bildern genau dem, was der von Klaus Honeff eingeführte Begriff der Autorenphotographie meint. Autorenphotographie in diesem Sinne lässt sich seit den 70er Jahren als Tendenz in der internationalen Fotokunst feststellen: Ein Fotograf, eine Fotografin wählt frei ein Thema, bearbeitet es auf eine bestimmte Weise und bestimmt die Form seiner Präsentation. Dann widmet er/sie sich einem anderen Thema mit anderer Ausführung und Darstellung. Also keine individuelle Handschrift, wohl aber eine Reihe bezogener Position. Quer zu dieser Einordnung und sie schneidend steht eine andere Herkunft dieser Serie, nämlich die aus der Konzeptkunst - concept bedeutet englisch »Begriff« »Gedanke«, »Auffassung« - das Kunstwerk verlagert und verflüchtigt sich ins Konzept; dessen Darstellung bzw. Dokumentation, so sehr oder so wenig sinnlich sie auch ist, bleibt gleichsam als Krücke, Steg, Geländer für den Denkweg, auf den der Betrachter geführt, gebracht, geleitet werden soll. Knigges Pflichtkonzept kommt so distanziert wie bildhaft daher und stellt uns vor die Frage »Have you done your duty« (ganz abgesehen von den Fragen, was unsere Pflicht ist und was Pflicht überhaupt bedeutet).
Schließlich bleibt der Hinweis auf das Serielle als das Eigentliche dieser Photographien (als ihr spezieller Kontext und Zusammenhang: Serie verstanden gerade nicht als Ganzes sondern als Fügung von Fragmenten - denken Sie an Adornos Satz: »Das Ganze ist das Falsche«.

T. O. Immisch
© Alle Rechte liegen beim Autor.  23. Oktober 2003