Ingeborg Knigge     Dialogische Rede zur Ausstellung in der Saarländischen Galerie, Berlin

How you look at it

Katharina Hausel mit Uwe Dietrich

H: Fragen an das Publikum:

D: Ist Ihnen schon mal ein Stein vom Herzen gefallen?

H: Kannten Sie mal jemandem mit einem Herz aus Stein?

D: Haben Sie bei jemandem einen Stein im Brett?

H: Oder haben Sie schon Mal den Stein ins Rollen gebracht?

D: Apropos, kennen Sie die Rolling Stones?

H: Ja, waren Sie schon mal stoned?

D: Meine Damen und Herren, vielleicht ist es Ihnen bereits aufgefallen: heute beschäftigen wir uns mit Steinen. Allein die Tatsache, dass es so viele Redewendungen darüber gibt, sollte uns zu denken geben. Denn in der Regel denken wir über Steine nicht viel nach.

H: Ganz anders Ingeborg Knigge. Bereits seit 2012 beobachtet und fotografiert sie in regelmäßigen Abständen »ihre« Steine an der französischen Küste des Ärmelkanals – also, wenn diese bei Ebbe gerade zugänglich sind. Die Fotografin bezeichnet ihre Objekte sogar als »Weggefährten«, so der Serientitel. Und siehe da, die Steine bekommen durch ihre Arbeit einen besonderen Charakter – im Augenblick verewigt – im Bild als Schnitt durch Zeit und Raum.
Denn natürlich verändern sich die schweren Riesen auch selbst und sozusagen körperlich – durch Verschleiß, Abrieb und Witterung, durch Wind und Wasser, durch den Bewuchs mit Algen und Flechten sowie durch den ewigen Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Irgendwann hat Ingeborg Knigge sogar ein ganzes Panorama ihres Küstenabschnitts aufgenommen. Denn das erleichtert ihr die Zuordnung der Steine von mal zu mal und erlaubt ihr, alle Änderungen wahrzunehmen. In diesem Spannungsverhältnis zwischen dem scheinbar festen Stein und dem Nicht-Festen bewegen wir uns in dieser Ausstellung – und genau das macht sie so spannend.

D: Normalerweise stehen Steine für das Feste und Starre. Das sagt schon das Wort »Stein«. Es ist sehr alt und bedeutet in etwa »das Harte« oder »das Verdichtete«. Interessant ist, dass es sich kaum verändert hat, seitdem es im Althochdeutschen im 8. Jahrhundert erstmalig nachgewiesen wurde. Ein sehr »festes« Wort also. Es ist allerdings wahrscheinlich noch deutlich älter, nämlich einer indogermanischen Wurzel entstanden – also möglicherweise fast 5.000 Jahre alt.
Steine versuchen scheinbar, sich gegen die Zeit zu stemmen. Was in Stein gemeißelt ist, das gilt für immer. Die ägyptischen Pharaonen ließen ihre Taten in große Felswände meißeln. Und bis heute kennen wir den Grab-Stein als einen Versuch, der Ewigkeit eine Scheibe abzuschneiden. Auch die älteste heute noch erhaltene Tempelanlage der Welt im südanatolischen Göbekli Tepe, besteht im Wesentlichen aus aufgerichteten Steinen. Sie entstand vor ca. zwölftausend Jahren und damit lange, bevor der Mensch sesshaft wurde und begann, Tiere und Pflanzen zu domestizieren.
Ist der Stein damit ein Symbol für die Ewigkeit? Ein fossilierter Gedanke? Ein gefrorener Moment?

H: Zum Einfrieren von Momenten eignet sich die Fotografie besonders gut: um Veränderungen über einen bestimmten Zeitraum in Einzelbilder festzuhalten. Nachher kann man die Bilder miteinander vergleichen, um sich die Veränderungen zu vergegenwärtigen. In den Aufnahmen von Ingeborg Knigge scheint die Beobachtung daher auch absichtlich distanziert und neutral. Der Fotokritiker Gerry Badger nennt diesen Abbildungsstil »stille Fotografie». Er meint damit eine Bildsprache mit weniger spektakulären Motiven und Fotografen und Fotografinnen, die sich bescheiden hinter dem Bild zurückhalten, indem sie ohne technische Tricks auskommen.

D: Steine, vor allem große Steine, haben der Menschheit immer auch als Markierungen gedient. Wir alle kennen die gewaltigen Menhire der Megalith-Kulturen – die übrigens ganz in der Nähe unserer Ausstellungssteine entstanden sind, nämlich in Carnac an der bretonischen Küste. Auch wenn wir nicht genau wissen, warum diese tonnenschweren Kolosse aufgerichtet wurden – sie markieren auf jeden Fall ein »Hier ist für uns der Nabel der Welt« oder ein »Hier haben unsere Vorfahren ihre großen Taten vollbracht».
Und hat nicht jeder von uns schon einmal einen besonderen Stein angefasst und hoch gehoben? Steine sind faszinierend!

H: In diesem Projekt Weggefährten, das in Zukunft noch weiter geht, wird der konzeptionelle Ansatz von Ingeborg Knigge deutlich. Sie entwickelt Themen und Arbeitsbedingungen nämlich selbst und konsequent:
Sie fotografiert hier in Farbe, bei Tageslicht und in regelmäßigen zeitlichen Abständen. Sie achtet auf den Zeitpunkt, auf den Bildausschnitt, konzipiert die Perspektive, den Abstand zum Motiv.
Dieses soll gleichmäßig beleuchtet sein: seine Oberfläche greifbar und die Farben natürlich wirken. Den Betrachtern und Betrachterinnen wird ermöglicht, sich ganz auf die Motive und deren Unterschiede von Bild zu Bild zu konzentrieren. Die kleinen Differenzen kommen so ans Licht und wecken unsere Aufmerksamkeit und Neugier, sowohl für die Fotografie als auch für die Steine.

D: Steine waren darüber hinaus auch Eingänge in die Anderswelt, wo gemäß den alten Wiedergeburtsvorstellungen neues Leben entsteht – teilweise sogar AUS dem Stein heraus. Nicht umsonst gibt es in den prähistorischen Höhlen Malereien, bei denen Tiere aus dem Stein, aus der Höhlenwand heraustreten, als hätten sie sich im Bauch von Mutter Erde entwickelt.
Eine Verbindung mit Wasser verstärkt diese Lebenssymbolik. Viele Quellen wurden bereits im Altertum als heilige Orte mit großen Steinen markiert. Es ist auch kein Zufall, dass unser Wort »Seele« tatsächlich etwas mit Wasser zu tun hat. Das Wort bedeutet: »vom See stammend«, »zum See gehörend«, da nach dem Glauben der Germanen die Seelen der Menschen vor der Geburt und nach dem Tod im Wasser leben. Einige von Ihnen werden noch die Geschichte vom Klapperstorch kennen – einem Wasservogel – , der die Babys bringt: Dahinter verbirgt sich tatsächlich eine uralte Vorstellung vom Ursprung der Seele aus diesem steinernen Zwischenreich.

H: »Ein Fotograf« so schreibt Stephen Shore, verleiht einer »Szene eine Ordnung – er normiert das Durcheinander und verleiht ihm Struktur. Er schafft diese Ordnung durch die Wahl eines Blickwinkels, eines Ausschnitts und eines Aufnahmezeitpunkts, und er bestimmt eine Schärfeebene.«
Shore meint hier die »darstellende Ebene«, auf der es vier Kriterien gibt, »nach denen sich die Welt vor der Kamera in eine Fotografie verwandelt: Flachheit, Ausschnitt, Zeit und Fokus.«
Fotografien können momenthaft oder langzeitbelichtet sein. Ihr Format kann als Nahaufnahme, Totale, panoramatisch oder als schmales Hochformat gewählt werden. Wofür auch immer die Fotografin sich entscheidet, bewusst oder unbewusst, das Ergebnis hat einen subjektiven Aspekt. Indem wir die Bilder betrachten, folgen wir dem Blickwinkel der Fotografin.

D: Hier werden wir Zeuge einer Verwandlung. »Metamorphosen«, Verwandlungen, so heißt das eine wichtige Buch des römischen Dichters Ovid. Das andere heißt »Liebeskunst«. Aber zurück zur Verwandlung! Sie alle kennen die Figur der Medusa: ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren, langen Schweinshauern, Schuppenpanzer, bronzenen Armen, glühenden Augen und heraushängender Zunge. Ihr Anblick ließ jeden zu Stein erstarren. Medusa wurde durch den Heroen Perseus getötet, der ihren Kopf anschließend auf seinem Schild befestigte – und somit alle Gegner in Stein verwandeln konnte.

H: Das Foto ist ein deutlicher Hinweis auf das, was wir uns anschauen sollen. Knigge hat die Steine so fotografiert, dass wir die Gesichter auch sehen. Dabei ist ihr bewusst, ja sie spielt damit, dass unsere Wahrnehmung möglicherweise andere Physiognomien erkennt als sie. Doch das ist ein weiteres markantes Zeichen für das bewusst Subjektive in ihren Bildern. Eben genau: how you look at it.
Dazu kreiert sie immer wieder neue Konzepte und Bildsprachen, wie beispielsweise in I-scapes. Das sind Fotografien beunruhigender Raumtäuschungen durch Montagen von je zwei Außenaufnahmen (1989–96). Oder Have you done your duty, sachlich kühle Aufnahmen von Gegenständen im Haushalt, die frisch repariert, geputzt oder gebügelt worden sind (1991–heute).
Weggefährten sind sowohl die Serie Wiesenstücke, Waldstücke, Bodenstücke, – Farben, Strukturen und Oberflächen von Erde, Gras und Baumrinde - als auch Seestücke. Manche der Aufnahmen sind datiert UND mit der genauen Uhrzeit versehen: Augenblicke, wie wir sie nur fotografiert sehen können, weil sie mit dem Auslösen bereits vergangen sind.
Dem Nicht-Greifbaren setzen sich die Steine in ihrer plastischen Körperlichkeit entgegen.

D: »Plastische Körperlichkeit« – ein schönes Beispiel dafür ist der Felsenbeißer aus Michael Endes »Die unendliche Geschichte«. Die Figur heißt Pjörnrachzarck und besteht völlig aus Stein. Er ernährt sich ausschließlich von Felsen und Mineralien und fertigt auch alle seine Gebrauchsgegenstände aus Stein, zum Beispiel sein Fahrrad. Sehr praktisch, weil man auf längeren Reisen auch immer etwas zu Essen dabei hat.

H: Die Faszination der Natur und die kreative fotografische Auseinandersetzung damit verbindet Knigge mit dem Werk von Monika von Boch. Die Otto-Steinert-Schülerin entwickelte unter anderem Fotogramme von Pflanzen, Muscheln und Steinen auf Film.

D: Ingeborg Knigge ist 1955 in Melsungen in Hessen geboren. Sie ist seit 1979 als Fotografin tätig. 20 Jahre ist sie nun schon Mitglied des Saarländischen Künstlerbundes (SKB), dessen Vorsitz sie außerdem von 2004 bis 2008 innehatte. Sie unterrichtet seit 2005 - seit 2006 als künstlerische Leiterin des Fotoateliers - an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. 2010 ist sie in die Deutsche Gesellschaft für Fotografie berufen worden (DGPh). Sie lebt in Saarbrücken, und heute ist sie hier als Trägerin des Monika von Boch-Preises für Fotografie 2019. Dazu möchten auch wir noch einmal sehr herzlich gratulieren.

Katharina Hausel (H) im Dialog mit Uwe Dietrich (D)
© Alle Rechte liegen bei den Autoren.  21. Januar 2020